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Strategie und Spiritualität
von Milch, Honig, Fleischtöpfen und Brot für einen Tag
von Margot Abstiens
Folgende Überlegungen sollen zur Diskussion dienen und Denken, Fühlen und Handeln in Bewegung bringen.
I. Spiritualität: gedacht, gefühlt, gelebt
Ich definiere Spiritualität zunächst ganz allgemein als eine komplexe Anbindung an eine Kraft außerhalb von mir. Diese Definition ermöglicht – und dass ist mir wichtig in meiner Arbeit – die Verständigung mit Menschen, die keine kirchliche Anbindung haben oder nie wirklich mit dem Christentum in Berührung gekommen sind. Auch evangelische Christ/innen, so habe ich festgestellt, können mit dieser Beschreibung etwas anfangen. Jede/r konkretisiert sie auf die je eigene Weise auf der Basis des eigenen Glaubens, der eigenen Lebenserfahrung und der eigenen Sprachgewohnheit.
Diese Anbindung an eine Kraft außerhalb von mir geschieht an bzw. auf drei Ebenen, sie ist gedacht, gefühlt und gelebt. Nicht immer alles gleichzeitig, manchmal überwiegt ein Aspekt und lässt sogar die anderen außen vor.
1. Gedacht
Gedachte Spiritualität findet im Kopf statt, sie ist Nachdenken über oder Reden von der Beziehung zwischen Gott und Mensch, ist Theologie oder Philosophie oder Religionswissenschaft. Da geht es um logische Zusammenhänge, dogmatische Herleitungen und praktische Schlussfolgerungen.
2. Gefühlt
Gefühlte Spiritualität hat nicht selten etwas mit körperlicher Wahrnehmung zu tun - in Entspannungsübungen, Meditation, im sakralen Tanz oder in freier, bewusster Bewegung. Sie kann sein das bewusste Wahrnehmen von Sonnenauf- und untergängen, von Blüten und dem Rauschen eines Baches. Sie ist ebenso das Erspüren dessen, dass Gott am Werk ist, oder das Gefühl von Gewissheit oder dem Vertrauen, behütet und versorgt zu sein und die Möglichkeit, sich fallen zu lassen, aber auch Leidenschaft und Hingabe. Die Bibel spricht von Herz, von Seele, von Gemüt.
3. Gelebt
Gelebte Spiritualität äußert sich in Ritualen (Gebet, Gesang, Liturgie, Anzünden von Kerzen, Tanz usw.), aber auch in werteorientiertem Handeln, im Umgang mit sich selbst und anderen, in der Art und Weise, die eigene Berufung zu leben und die eigenen Geschäfte zu führen: kurz und gut in der inneren Art zu leben und zu arbeiten.
Um diese gelebte Spiritualität dreht sich das folgende und lässt sich ganz gut zusammenfassen in dem kraftvollen lukanischen Dreifachgebot: „Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst.“
II. Strategisches Handeln
1. Was ist das?
Strategisches Handeln dient dem Erreichen klar definierter Ziele (theologischer Ziele, Ziele bezüglich Zielgruppen, pädagogischer Ziele, qualitativer Ziele, quantitativer Ziele, finanzieller Ziele – bezüglich Einsparungen oder neuer Einnahmen, Wohlfühlziele…..).
Strategisches Handeln setzt sich zusammen aus dem Wahrnehmen, dem Beschreiben, der Herstellung gemeinsamer Bilder der Wirklichkeit zwischen den Beteiligten, zielorientiertem Handeln und seiner Überprüfung.
Gegenstand all dessen ist die gegenwärtige Situation, vorhandene Ressourcen, die prägenden Werte und Handlungsnormen, die Herausforderungen der Zukunft, Chancen, Risiken, Visionen, Ziele, Handlungsschritte und Stolpersteine. Es geht um die Sicherstellung von Entwicklung durch Controlling und Strukturen für kontinuierliche Verbesserungsprozesse.
Soweit kurz angerissen die Hardfacts, also nur das Gerüst, das Skelett.
Bei all dem zu berücksichtigen sind Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und Tabus, die Softfacts, die Fleisch und Blut an die Knochen bringen und die das ganze Projekt voranbringen oder scheitern lassen.
Wer strategisch handelt und dabei Betroffene beteiligt, schafft Raum zur Nutzung vorhandener Ressourcen. Er oder sie ermutigt andere vorsichtig und behutsam zu Risikobereitschaft und nimmt Bedenken ernst. Er oder sie agiert „auf Augenhöhe“, ist herausfordernd und gibt gleichzeitig Schutz - und ermöglicht dadurch kreative Prozesse und commotilité (gemeinsam in Bewegung sein) – und das Deutlichwerden persönlicher und gemeinsamer Visionen.
Dabei geht es (paradoxerweise) immer um das Sein und den Augenblick, um die eigene Sehnsucht, um Kräfte in Bewegung – und dann um den nächsten bewussten und um den unbewussten kleinen Schritt in Richtung eines authentischen und erstrebenswerten Ziels. So kann effektives strategisches Handeln gerade in der Kirche niemals einfach Technik sein, sondern berührt das eigene Herz und das der anderen.
Also: ein ziemlich komplexer Prozess, ein kunstvoll kreativer Schaffensprozess, der das ganze eigene Engagement erfordert und dessen Gelingen wir dennoch niemals selber in der Hand haben.
2. Warum das jetzt auf einmal?
Sie kennen Ihre Situation sehr viel besser als ich.
Die Notwendigkeit eines anderen Umgangs mit Finanzen ist oftmals ein Anlass, aber der Grund, in kraftvolle Bewegung zu kommen, ist immer Glaube, Hoffung und Liebe.
Trotzdem kurz ein paar Sätze zur jüngeren Geschichte:
Jahrelang war kirchliches Leitungshandeln eher geprägt durch das Verwalten von Vorhandenem, durch das Sicherstellen stabiler Rahmenbedingungen und die Koordinierung von Aktivitäten.
In der (Welt-)Wirtschaft und der übrigen Gesellschaft beschleunigten sich Veränderungsprozesse in den verschiedenen Bereichen, vor allem die Diakonie, aber auch Kindertageseinrichtungen und die offene Jugendarbeit sind von diesem Wandel in ihrer Arbeit seit einiger Zeit betroffen.
Das Damoklesschwert von Mindereinnahmen bei Kirchensteuermitteln schwebte dann auch über den Kirchengemeinden, und es senkte sich bei den einen schneller, bei den anderen weniger schnell. Und dieser Prozess beschleunigt sich derzeit, und zwar drastisch. Das lange Zeit übliche „wir kürzen mal alles (in der Regel Sachmittel) um 10%“ ist ausgereizt und hat viel Frust geschaffen. Die notwendigen Sparmaßnahmen scheinen sich vielerorts nur noch durch die Schließung von Arbeitsbereichen, durch Entlassungen und/oder den Verkauf von Immobilien und Grundstücken gewährleisten zu lassen. Und das ist nicht nur ärgerlich, sondern tut weh, richtig weh.
Kleinere, eigenständige kirchennahe Vereine haben bereits das rechtzeitige strategische Handeln verpasst und mussten Insolvenz anmelden.
Die Verknappung von Ressourcen als konstituierendes Element betriebswirtschaftlichen Handelns einerseits und der Wunsch, als Kirche doch noch etwas zu bewegen und die Verantwortung für Mitarbeitende andererseits bringt mancherorts Verantwortliche dazu, vom Verwalten (reagieren) zum Gestalten (agieren) zu kommen und in der Krise auch die Chance zu sehen. Und ich kann nur allen wünschen, so bald wie möglich anzufangen mit einer klaren strategisch-spirituellen Führungsarbeit!
3. Wer soll das machen?
Das Top-Management einer rheinischen Kirchengemeinde ist ein Gremium. Das ist ein Risiko und eine Chance. Ein Risiko deshalb, weil sich in vielen Fällen niemand verantwortlich fühlt und auch niemand weiß, wie strategisches Handeln funktioniert, die Führungsrollen sind oftmals nicht besetzt. Dann passiert erst mal nichts und kostbare Zeit verstreicht.
Eine Chance ist das deshalb, weil die Kreativität, die Energie und die Ressourcen einer ganzen Gruppe genutzt werden kann.
Das setzt voraus, dass sich jede/r über die eigenen persönlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten im Klaren ist. Klar ist bezüglich der eigenen Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte, klar ist über die eigenen Stärken und Grenzen, über das, was eine/n leitet, was für eine/n wirklich wesentlich ist im eigenen Leben und in der Gemeinschaft der Kirchengemeinde. Ist Ihnen selber klar, worum es Ihnen im Kern geht? Nehmen Sie sich selber wahr, akzeptieren Sie sich und nutzen Sie Ihre Leidenschaft, Ihre Erfahrungen und Kompetenzen für sich und andere? Machen Sie sich klar, welchen Beitrag Sie und nur Sie leisten können zur Weiterentwicklung Ihrer Kirche? Das hilft Ihnen, authentisch zu kommunizieren (auch über Ärger und Frust!), dann kann aus persönlichen Visionen eine kraftvolle gemeinsame Gemeindevision werden, die tatsächlich Energien freisetzt und Menschen in Bewegung bringt.
Und achten Sie darauf, dass die Führungsrolle besetzt ist!
III. Biblische Ressourcen
Die Bibel ist voll von Geschichten und Gedanken, die in einer solchen Situation Mut machen und Hoffnung geben, die helfen, Unsicherheit zu riskieren und auszuhalten.
Überall geht es um Wachstum, um Aufbruch, um Gestaltung – ohne Fakten wie Schmerzen, Fluchttendenzen, Umwege und Abschied zu negieren. Die Bibel beschreibt Menschen, Beziehungen und Dinge von Kern her, sie macht Mut zur Intensität und zum Risiko.
Auch wenn unsere Kirche sich strukturell noch auf Sicherheit versucht zu bauen, so machen biblische Leitfiguren doch Mut, etwas anderes zu wagen.
Ein wunderbares Modell ist die Exodusgeschichte, da ist alles drin. Das sich drücken wollen (Mose Berufung), das an die Seite gestellt bekommen von geschwisterlich verbundenen Mitarbeiter/innen (Aaron und Miriam) und übernatürlichen Ressourcen (der Stab). Da ist drin der Aufbruch aus der Knechtschaft und das Volk, das gar nicht will – denn die Fleischtöpfe sind ja gut gefüllt. Dann der risikoreiche Weg durch die Wüste und die Unsicherheit: vorne das Rote Meer, dahinter das, was sie aus dem alten Leben verfolgt (die Ägypter). Aber auch das geht gut! Gott ist da und Mose nutzt, was er hat. Immer wieder stößt er auf Widerstand, das Murren des Volkes, die Korrumpierbarkeit der Führungsriege: das Schwachwerden des Aaron beim Tanz ums goldene Kalb. Und dennoch werden sie immer wieder versorgt mit dem, was sie zum Leben brauchen: jeden Tag gibt es Brot, aber immer nur für einen Tag!
Und Gott geht mit: nachts in der Feuersäule, tags in der Wolke. Mose nimmt sich regelmäßige Auszeiten allein mit Gott in der Stiftshütte. Mangelndes Vertrauen angesichts der merkwürdigen Gestalten jenseits des Jordans hat zwar einen 40jährigen Umweg zur Folge, aber am Ende kommen sie an: im guten und weiten Land, wo Milch und Honig fließt.
Also: Gott geht mit und unterstützt uns da, wo wir es brauchen - aber aufbrechen müssen wir selbst!!!
Herausforderungen strategisch-spirituellen Handelns