Mitgliederstudie in der EKD - Artikel aus der FAZ
(Un-)Stabiler Wandel im Stillstand.
Ob und wie sich die evangelische Kirche wandelt. Die EKD legt ihre vierte Mitgliedererhebung vor.
Mitte Oktober veröffentlichte die EKD ihre vierte Mitgliedschaftsstudie. Ziel dieser Studien ist es, ein Verständnis der Einstellungen und Verhaltensweisen sowohl der Kirchenmitglieder als auch der Nicht(Mehr-) Kirchenmitglieder zu gewinnen sowie eine Diskussion über den Weg der Kirche in der Gesellschaft anzustoßen. Vor dem Hintergrund unverändert merklicher Kirchenaustritte verdienen die Ergebnisse besondere Aufmerksamkeit.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet darüber in ihrer Ausgabe vom 14.10.2003. Die vollständige Studie kann unter www.ekd.de heruntergeladen werden.
Die Ergebnisse in Stichworten:
- Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung) sowie Festgottesdienste sind für die Mitglieder wichtiger als Gemeindeangebote.
- Die Mehrheit der Befragten begründen ihre Kirchenmitgliedschaft damit, daß sie auf Trauung oder Beerdigung nicht verzichten möchten.
- Das persönliche Bemühen um ein ethisch orientiertes Leben ist den Kirchenmitgliedern wichtiger als der sonntägliche Besuch des Gottesdienstes. Nur ein knappes Viertel geht mindestens einmal im Monat in die Kirche.
- 70 % glauben mehr oder weniger stark an Gott. Je stärker der Glaube, desto häufiger der Kirchgang.
- Christentum wird als Teil der Leitkultur betrachtet.
- Konventionelle Gründe, weil z. B. die Eltern in der Kirche sind, spielen weit weniger als früher eine Rolle.
- Die Befragten haben nur ein unklares Verständnis von der Konfirmation, die sich dadurch kaum von der Jugendweihe unterscheidet.
- Die Kirche sollte u. a. durch Seelsorge helfend zur Seite stehen und sich für Notleidende einsetzen.
- Äußerungen zu politischen Grundsatzfragen sehen die Befragten nicht als eine vorrangige Aufgabe an. Anderen Organisationen trauen sie hierbei mehr zu.
Die Studie stellt auch auf die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Evangelischen sowie zwischen Evangelischen und Konfessionslosen ab. Besonders bemerkenswert ist die im Osten stärker ausgeprägte klassische Variante der protestantischen Ethik (Aufgabenerfüllung, Bedeutung der Arbeit, Selbstverantwortung), während im Westen die persönliche Freiheit den höchsten Wert hat.
Besonders interessant ist die erstmals durchführte Analyse unterschiedlicher Lebensstile und der für eine Kirchenmitgliedschaft ausschlaggebenden Faktoren. Insgesamt sechs Lebensstile werden mit fünf Kirchenmitgliedschaftstypen in Beziehung gesetzt.
Die neue Studie liefert ein deutliches Bild von der Stellung der (evangelischen) Kirche in der deutschen Gesellschaft und zeigt die Entwicklung in den letzten 30 Jahren auf. Sie ist eine Fundgrube für die Aktiven in den Gemeinden. Prädikat lesenswert.
Rezensiert für KuM von
Jürgen Fischer, 22. Oktober 2003