Medienpastoral
Medienpastoral
von Ludger Verst
Die publizistische Arbeit der beiden großen Kirchen in Deutschland ist angesichts wachsender mediengesellschaftlicher Herausforderungen strukturell und inhaltlich vergleichsweise schwach profiliert. Dies gilt vor allem für die regionalen und lokalen Strukturen der Arbeit. Je weiter man die Organisationsstufen des Kirchlichen nach unten zur pfarrgemeindlichen Basis vordringt, wo sich der bei weitem größte Teil kirchlichen Handelns vollzieht, verliert die kirchliche Medien- und Öffentlichkeitsarbeit an konzeptioneller und personeller Verbindlichkeit und in Folge dessen an inhaltlichem Profil.
Auf der Ebene der Dekanate und Pfarrverbände findet Medienarbeit im Normalfall entweder gar nicht oder – auf ehrenamtlicher Basis – eher nebenbei statt. Die Notwendigkeit einer professionellen lokalen Medienarbeit als einer pastoralen Arbeit von Hauptamtlichen in den Gemeinden wird nicht gesehen. Diese weitgehende Fehlanzeige hat viele Gründe: finanzielle, personelle, ausbildungsspezifische, gemeindepraktische, kircheninterne. Die Probleme der Kirche im Umgang mit kritischer Öffentlichkeit, die Umständlichkeit ihrer Auftritte und ihre mangelhafte publizistische Präsenz auf der mittleren und unteren Organisationsebene dürften nicht zuletzt durch ein grundsätzliches pastoralplanerisches Defizit verursacht sein: durch das Fehlen einer in der Pastoral verankerten Medienpraxis. Medien- und Öffentlichkeitsarbeit erscheinen insgesamt als strategischer Annex zum Eigentlichen der Kirche, ihrer Seelsorge. Die Nachrangigkeit und weitgehende Beliebigkeit des publizistischen Engagements erklärt sich dadurch, dass dieses Engagement selbst (noch) nicht als Teil eines umfassenden Verständnisses von Pastoral begriffen wird. Die Kommunikation des Evangeliums Jesu Christi, Beratung und Katechese sind aber in einer Medien rezipierenden, nachchristlichen Gesellschaft nur so erfolgreich, wie sie selbst zwar nicht ausschließlich, aber doch selbstverständlich durch Medien geschehen und in den gewachsenen Lebensräumen einer Stadt, eines Bezirks oder einer Region, also vornehmlich in lokalen Medien, präsent sind.
Medienpastoral ist Evangelisierung mit Medien. Evangelisierung ist in der kirchlichen Theorie und Praxis inzwischen ein Schlüsselwort geworden. Für den katholischen Bereich bezeichnet das Apostolische Schreiben „Evangelii nuntiandi“ (1975) damit die Dynamik, „die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluss von innen her umzuwandeln“ (Nr. 18). Die Differenzierung der Lebensräume der Menschen und ihrer Tätigkeiten erfordert seit längerem eine Spezialisierung pastoraler Konzepte hinsichtlich einer Professionalisierung kirchlicher Kommunikation insgesamt. Medienpastoral ist eine solche Form seelsorglicher Spezialisierung, aber nicht im Sinne kirchlicher Sonderseelsorge, wie sie sich landläufig für bestimmte Alters- oder Zielgruppen (Senioren-, Polizei-, Migranten-, oder Hochschulseelsorge etc.) entwickelt hat. Medienpastoral soll viel mehr verstanden werden als Querschnittsthema der gesamten Pastoral, als ein Kommunikationsfeld, auf dem das Evangelium vom anbrechenden Reich Gottes mittels aller denkbaren Medien verhandelt, intoniert und inszeniert wird.
Daraus ergeben sich sowohl gemeindeinterne als auch gemeindeübergreifende Neuorientierungen, kurz: drei medienpastorale Optionen:
- Die Verfasstheit der Kirche, ihr Apparat, das Institutionelle (Hierarchie, Organisationsstruktur, Vergreisung der Mitgliederschaft etc.) beeinflussen und prägen ihren Informations- und Kommunikationsstil, der sich um der Sache willen erneuern und professionalisieren müsste. Die Schwerfälligkeit der kirchlichen Struktur verhindert publizistische Nähe zu den Menschen und Ereignissen. Die Kirche aber müsste mehr Evangelium kommunizieren und weniger sich selbst. Welche christlichen Werte, Haltungen, Gesten besitzen die Strahlkraft, für die Menschen bereit sind, in die öffentliche Auseinandersetzung zu gehen?
Option 1: Christliche Gemeinden sollten öffentliche Kommunikationsorte sein für das Evangelium Jesu Christi.
- Die Kommunikation des Evangeliums geschieht heute unausweichlich im strukturellen Rahmen einer Erlebnis- und Mediengesellschaft. Die milieugebundenen Lebenserfahrungen sind der spezifische Kontext heutiger Evangelisierung durch Theologie und Gemeindearbeit. Eine ambitionierte Medienpastoral muss daher Ansatzpunkte liefern, wie der schmal gewordene Gesichtskreis kirchlicher Restmilieus geweitet und der Blick für neue, zukunftsfähige Gestaltungsformen des Christlichen geschärft werden können.
Option 2: Christliche Gemeinden sollten durch die Art und Weise ihrer (Re-)Präsentation zu milieuübergreifenden Kommunikationsorten werden.
- Im sich weiter verschärfenden Wettbewerb mit einer Vielzahl säkularer Sinn- und Lebensstilanbieter müssen christliche Programmprofile über konfessionelle und kirchengemeindliche Themenvorlieben hinaus entwickelt werden. Medienpastoral verweist auf den Lebens- und Kommunikationsstil Jesu in populären und gesellschaftskritischen Ausdrucks- und Gestaltungsformen. Religiös Interessierte verfahren bei der Auswahl von Medienangeboten pragmatisch. Überzeugender Nutzwert ist gefragt: in Form von Informationen, die man so woanders nicht bekommt, in Form von Glaubens- und Lebenshilfe, die einen persönlich weiterbringt.
Option 3: Christliche Gemeinden sollten jesuanisch orientierte Orte sozialer und kultureller Dienstleistung sein.
Medienpastoral in mobiler Gesellschaft bedeutet daher: Heraus aus dem Muster einer überraschungssicheren Kirche der Insider und hinein in die Passage, dorthin, wo gerade Publikum ist. Im landläufigen Sinn „vor Ort“ sein, wo aus der Bot-schaft Kund-schaft werden kann: an Standorten mit großem Publikumsverkehr und Verweilmöglichkeiten – in Straßencafés, Hotels, Bibliotheken, Arztpraxen, Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen und Einrichtungen, „auf dem Marktplatz mit den zufällig Anwesenden“ (Apostelgeschichte 17,17) - getreu dem Motto: „Kommt her und seht - dann geht und sagt!“: Passantenkirche sozusagen.
Der große Kirchenlehrer des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, hat schon in den siebziger Jahren den „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ begriffen und für die Gewinnung neuer Christen aus unchristlichem Milieu plädiert. Heute geht es darum, auf eine neue Art Kirche zu sein, Lebensstile zu entwickeln, die die gute Nachricht Gottes als modernitätstaugliches Lebensangebot attraktiv und sichtbar machen. Das Projekt „Medienpastoral“ im Bistum Münster hat dieses pragmatische Anliegen zwei Jahre lang aufgegriffen und bearbeitet – eher punktuell als systematisch, eher beispiel- als modellorientiert. Dokumentiert ist es unter dem Titel „Medienpastoral. Bericht über ein Projekt." - Mit einem Vorwort von Medienbischof Friedrich Ostermann. Kevelaer: Butzon & Bercker 2003. ISBN 3-7666-0373-6
Ludger Verst, Kassel (2004)
Der Autor ist Journalist und katholischer Theologe. Seit 2000 ist er Lehrbeauftragter für Systematische Theologie an der Universität Kassel und in der katholischen Journalistenschule „ifp“ in München für die Ausbildung der Theologinnen und Theologen verantwortlich.
Adresse: Universität Kassel, Fachbereich 01 (Theologie), Diagonale 9, 34127 Kassel, eMail: verst@uni-kassel.de
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