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„Gelegenheitsstrukturen“ für die Förderung ehrenamtlichen Engagements
von Walter Bender
In Gemeinden und Verbänden stellt sich immer wieder die Frage, wie ehrenamtliches Engagement gefördert werden kann. In der Regel wird in der Gemeindearbeit direkt vom Bedarf und den Dringlichkeiten der Gemeinde oder der Einrichtung ausgegangen und versucht, Helfer für die anstehenden Aufgaben zu gewinnen. Auf die persönlichen Interessen und Bedürfnisse der (potentiell) Ehrenamtlichen und die kontinuerliche Entwicklung eines größeren Ehrenamtspotentials wird dabei nur allzu selten Bezug genommen. Dies liegt einerseits an einer traditionellen Sichtweise, die Ehrenamtliche als Personen versteht, die einen (Opfer-)Dienst für eine gemeinsame, gleichsam ‘höhere’ Sa-che leisten wollen. Zum anderen fehlen auch oft Informationen darüber, was Menschen eigentlich bewegt, sich tatkräftig einer Sache anzunehmen.
1. Perspektivwechsel: Vom Ehrenamtlichen aus gesehen ...
Aus einer Studie im Bistum Bamberg wissen wir, daß mit dem Ehrenamt jeweils ein ganzes Bündel unterschiedlicher Interessen verfolgt wird. Diese individuellen Gründe für die eigene Arbeit reichen dabei von Pflichtbewußtsein für Gott und Kirche vorwiegend bei den Älteren über das sozialbetonte Motiv, die Gemeinde als Lebenswelt und Beziehungsnetz zu erhalten bei der mittleren Generation, bis hin zu stärker selbstbezogenen Wünschen der Jüngeren, neue Kontakte zu knüpfen, als Vorbild anerkannt zu werden sowie eigene Befriedigung durch sinnvolle Betätigung zu finden.
Die hier oft festzustellende Verbindung von gemeinnützigen und eigennützigen Motiven zeigt, daß die Ehrenamtlichen Gemein(de)wohl und Eigennutz nicht als Gegensatz verstehen. Sondern sie wollen, indem sie etwas für die Gemeinde tun, etwas für sich selbst tun. Moralische Appelle zur Gewinnung von Gemeindemitgliedern, Solidarität mit den Schwächeren dieser Gesellschaft zu üben, anstatt an sich selbst zu denken, treffen deshalb nicht mehr den Kern der Sache. Sondern es geht um die Frage, wie möglichst beiden Seiten gedient werden kann, sowohl der guten Sache als auch den helfenden Personen selbst.
Das hat für Gemeinden und Verbände zur Konsequenz, daß sie eine andere Sichtweise als die bisher gewohnte einnehmen müssen, wollen sie ehrenamtliches Engagement nachhaltig fördern: Die Arbeiten und Aufgaben, die sich in der Gemeinde ergeben, sind keine (private) Angelegenheit mehr zwischen dem Ehrenamtlichen und seinem Glauben. Sondern die Gemeinde selbst ist mit der Überlegung gefordert, was sie den Ehrenamtlichen alles „anzubieten“ hat, wie sie deren individuelle Persönlichkeitsentfaltung in Zusammenhang mit den gemeindebezogenen Aufgaben unterstützen kann.
2. Personal- und Organisationsentwicklung für Ehrenamtliche?
Die Untersuchung hat gezeigt, daß Ehrenamtliche dezidierte Ansprüche an die Rahmenbedingungen der freiwilligen und unbezahlten Tätigkeiten haben, denen in den Pfarrgemeinden und Verbänden - je nach den jeweiligen personellen Möglichkeiten - in sehr unterschiedlichem Maße entsprochen werden kann. Aus diesen Überlegungen ergeben sich für die Hauptamtlichen, die Pfarrer, Pastoral- und GemeindereferentInnen sowie SozialarbeiterInnen etc. neue Aufgaben der Gewinnung, Beratung, Einarbeitung und Begleitung Ehrenamtlicher und allgemein in der Gestaltung ehrenamtlicher Tätigkeiten als wichtigem Teil des Gemeindelebens.
2.1 Gewinnung und Einarbeitung von Ehrenamtlichen
Die Gewinnung von Ehrenamtlichen für Aufgaben in Verband oder Pfarrgemeinde erfolgt oft, insbesondere bei Älteren, über ein persönliches Ansprechen durch den Pfarrer und über Familienangehörige oder Freunde, letzteres vor allem bei Jüngeren.
Sollen neue Ehrenamtliche gewonnen werden, ist es wichtig, möglichst konkrete Tä-tigkeiten mit der Möglichkeit zur Eigenverantwortung anbieten zu können. Auch eine Begrenzung, sowohl was die Zeitdauer wie den Umfang betrifft, kann wichtig sein, denn manche fürchten eine Art „altruistische Geiselhaft“, wenn sie schon einmal den kleinen Finger gereicht haben. Eine Passung zwischen Anforderungen der Aufgabe und biogra-phischen Planungen der Ehrenamtlichen sollte in einem persönlichen Erstgespräch angezielt werden. Das Angebot einer Einweisung, Einarbeitung und weiteren Unterstüt-zung durch erfahrene Kräfte kann anfängliche Unsicherheiten und Hemmschwellen überwinden helfen. Wichtig ist von Anfang an eine weitgehende Transparenz der Aufgaben wie der Gemeindestrukturen, eine klare Aufgabenbeschreibung und Arbeitsteilung mit Hauptamtlichen. Neue Wege, um auch Nicht-Gottesdienstbesuchern Angebote machen zu können, bieten z.B. Freiwilligenagenturen in Kooperation mit anderen Verbänden oder ökumenische Projekte.
2.2 Begleitung/Unterstützung - Beratung/Coaching
Das Wissen darum, daß man mit einer Tätigkeit nicht allein gelassen bleibt, sondern für Problemfälle jederzeit ein konkreter Ansprechpartner zur Verfügung steht, kann den Einstieg ins Ehrenamt erleichtern. Diese Kontaktperson ist auch unverzichtbar, um das notwendige Wissen über wichtige, aber dennoch meist informelle Strukturen weiter-zugeben, die in jedem Verband und jeder Gemeinde existieren - z.B. von wem man was bekommt, wer welche Schlüssel hat, wann und von wem man welche materielle Unter-stützung erwarten kann, wie man Ausgaben abrechnet usw.. Wichtig ist in diesem Kontext eine personenzentrierte Beratung, die den Ehrenamtlichen nach seinem eigenen Verständnis der anstehenden Aufgaben fragt, und sich auf diese Vorstellungen auch konkret einläßt. Diese Beratung und Begleitung, das aktive Sich-Kümmern um die Eh-renamtlichen, ist für diese zugleich auch ein Signal, daß ihre Tätigkeiten und Vorstellungen ernstgenommen und anerkannt werden.
2.3 Erfahrungsaustausch / Fort- und Weiterbildung
Die in der Studie befragten Ehrenamtlichen gaben zu 76% an, daß sie regelmäßige Besprechungen für erforderlich halten. Dabei erfüllen solche Treffen zum Erfahrungsaustausch mehrere wichtige Funktionen und zeigen, daß die Aktivitäten ernstgenommen werden. Sie dienen der Koordination der Tätigkeiten, der Information über Termine oder Entwicklungen in Kirche und Gemeinde, dem individuellen Erfahrungsaustausch und der eigenen Vergewisserung, alles richtig gemacht zu haben oder manches noch besser machen zu können, dem geselligen Beisammensein mit Gleichgesinnten, sie bieten eine Kontaktmöglichkeit mit dem Pfarrer oder anderen Ehrenamtlichengruppen. Gerade diese Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch und damit zu einer tätigkeitsbezogenen Fortbildungen werden von Ehrenamtlichen zentralen Veranstaltungen z.B. auf Diözesan- oder Verbandsebene vorgezogen, weil sie unmittelbar „anschlußfähig“ an die eigenen Erfahrungen und Kompetenzen sind.
Das Thema Fort- und Weiterbildung im Ehrenamt ist insgesamt noch ein sehr unterentwickeltes Gebiet. Insbesondere für Jüngere sind jedoch die im Ehrenamt erwor-benen Kompetenzen wichtige Bausteine für ihre Berufskarriere. Eine personenbezogene Aus- und Weiterbildung, die bereits vorhandene Kompetenzen ergänzt und zur Persönlichkeitsentwicklung sowie Selbstsicherheit beiträgt und damit die Aufgabenerfüllung optimiert, ist deshalb ein „Pfund“ des Ehrenamts, mit dem noch viel zu wenig „gewuchert“ wird. Man kann dabei vier Zielsetzungen unterscheiden: