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Geschichte der Zukunft
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"Gelassenheit in Vielfalt" - über das Kirchenkapitel in dem Buch "Die Geschichte der Zukunft"
von Erik Händeler


Nach dem Ende der Industriegesellschaft reorganisert sich die Gesellschaft neu - das sozioökonomischen Paradigma der Informationsgesellschaft birgt großen Chancen für die Kirche, wenn sie sich denn darauf einstellt.

Kirche ist immer in ihr Umfeld eingebettet ist. Wie und was die Menschen arbeiten, beeinflusst auch ihre Religiösität. In der Industriegesellschaft haben sie schon in der Schule blinden Gehorsam gelernt, weil sie am Fließband funktionieren mußten - die haben auch alles so geglaubt, was der Pfarrer sagte. Mit dem Auto konnte man plötzlich seiner Familie und Nachbarschaft davonfahren, wenn die einem nicht passte. Und wenn einem der Pfarrer zu konservativ oder zu liberal war, ist man eben Sonntags drei Dörfer weiter gefahren. So hat sich der ökonomisch ermöglichte Individualismus auch in der Kirche ausgebreitet. Die Institution leidet darunter - denn das Individuum ist der Feind der Institution. Allerdings ist das ein notwendiger Schritt: Nur wer seinen eigenen Glauben reflektiert, kann authentisch Christ sein.

Nun ist aber die Zeit vorbei, als wir Maschinen effizienter machen konnten, um mehr Wohlstand zu haben, den wir für Renten, Krankenkassen oder Schulen ausgeben konnten. Selbst der Computer macht uns nicht mehr wesentlich produktiver. Das, was wir künftig arbeiten, ist vor allem Informationsarbeit im Kopf: planen, organisieren, beraten, in der Informationsflut die Information suchen, die man braucht, um ein Problem lösen. Bei Stanzmaschinen wußten wir, wie wir sie produktiver machen, aber bei Menschen, die mit Informationen arbeiten? Statuskämpfe, eine unfaire Streitkultur oder Mobbing kosten mehr, als verbesserte Maschinen bringen. Der Wohlstand der Zukunft hängt vor allem vom Sozialverhalten ab. Nach der Zerstörung der früher einheitlichen Gruppenethik sind die Firmen jetzt in eine pluralistische Gesellschaft eingebunden, in der alles gleich-gültig erscheint. Aber wenn es um die Frage geht, was das Zusammenleben erleichtert und Sozialkapital bildet, gibt es durchaus ein klares "richtig" und "falsch":

Informationsarbeiter können nur dann langfristig, vertrauensvoll und produktiv zusammenarbeiten, wenn Wahrheit nicht manipuliert wird; wenn jemand nicht Kraft seines Status von vorneherein Recht hat, sondern wenn das Wissen aller mobilisert werden kann; wenn man fair um die bessere Lösung ringt und sich hinterher nicht wegen Meinungsverschiedenheiten mit Liebesentzug bestraft, sondern versöhnt und weiterhin zusammenarbeitet. Und wenn man sich anschaut, welche Ethik sich da in der Wirtschaft unter Versuch und Irrtum leidvoll herausbildet, dann ist das die Ethik des Evangeliums. Was mich bewegt: Wird die Informationsgesellschaft an mangelnder Kooperationsfähigkeit scheitern? Wahrscheinlich wird sich am Ende dieser gesellschaftlichen Reorganisation eine kooperative Ethik herausgebildet haben - aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus. Denn Firmen, die das nicht leben, werden so unproduktiv, dass sie vom Markt verschwinden. Solange sich das Verhalten nicht ändert, wird die Wirtschaft in Stagnation und wachsender Arbeitslosigkeit verharren. Doch keine Ethik kann im leeren Raum stehen. Religion ist die Begründung für eine Ethik. Und das hängt vor allem mit dem Gottesbild zusammen: Gott wird in Jesus selber Mensch und begegnet ihm in derselben Augenhöhe anstatt ihn zu dominieren und zu vergewaltigen.

Solange diejenigen die tollen Typen waren, die wußten, wie man ein Auto baut oder Halbleiter zusammenlötet, solange konnten religiöse Themen aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Nun rückt ausgerechnet die Wirtschaft Themen in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung, die letztlich religiöse Themen sind: Wie sollen wir uns verhalten? Wie werde ich gesund? Wie finde ich meine Ausgeglichenheit wieder (das nannte man früher "Frieden")? Das gehört zum Erfahrungsschatz der Kirchen, und ihre Konzepte sind besser als die, die ebenfalls Vorstellungswelten anbieten, in denen es jedoch fast nur um den einzelnen geht. Je mehr der Sozialstaat zusammenbricht, um so stärker werden die Gemeinden. Je weniger Krankenkassen die Krankheiten des einzelnen noch bezahlen werden, um so mehr wird Glaube als heilend erlebt werden. Je mehr Wirtschaft und Gesellschaft in die Kooperationsfähigkeit der Menschen investieren, um so mehr werden sie nicht Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten auch im Glauben betonen - übrigens auch mit Rückwirkungen, wie innerkirchlich und zwischenkirchlich miteinander umgegangen wird.

Im Moment suchen manche kirchliche Stellen ihr Heil bei Unternehmenberatungen - McKinsey ist in aller Munde. Doch die großen Beratungsfabriken sind selbst Relikte der Industriegesellschaft. Sie sehen auf Kosten, verschlanken und kürzen. Die Unternehemnsberatungen der Zukunft erhöhen vor allem die Informationsproduktivität, sorgen für bessere Zusammenarbeit, wahrhaftigere Kommunikation, eine bessere Nutzung des vorhandenen Sozialkapitals. Wo Kirche ein verbeamteter Wirtschaftsbetrieb ist, mag ja ein bischen McKinsey nicht schaden. Nur: Jesus ist kein Produkt, das man vermarktet. Es geht um Menschen, die Gewissheit, Geborgenheit und Trost suchen. Wenn die Kirche anfängt, sich als Dienstleister zu verstehen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Leute sich wie Kunden verhalten - und nicht wie mitbesitzende, mitverantwortliche Gesellschafter. Kirche - das sind Gebetskreise und einzelne, die künftig viel mehr als bisher über ihren Glauben ins Gespräch kommen werden. Da zitiere ich den verstorbenen Prof. Hans Millendorfer: "Ihr seid nicht die Letzten von vorgestern, sondern ihr seid die Ersten von morgen."

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Geschichte der Zukunft" von Erik Händeler

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