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Geben ist seliger als Nehmen
Die Wirtschaft entdeckt eine biblische Weisheit
von Markus Classen
Kennen Sie eigentlich den Witz vom kleinen Fritzchen im Religionsunterricht?
Der Religionslehrer spricht von der Schlechtigkeit der heutigen Berufswelt und dass alle immer nur etwas für sich haben wollen. Da meldet sich Fritzchen und sagt: "Mein Vater erzählt uns immer in seinem Beruf sei geben seliger als nehmen." "So", sagt der Lehrer,"das freut mich aber. Was ist dein Vater denn von Beruf?" "Boxer!"
Können Sie sich vorstellen, dass in der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" (19.11.2004, Karriere und Management) der Vorstandschef einer Unternehmensberatung ebenfalls ein Plädoyer dafür hält, dass Geben seliger sei als Nehmen?
Doch, es ist so. Am Beispiel des Bewerbungsgespräches wird erläutert, dass Bewerber, die gleich danach fragen, wie hoch ihr Gehalt sei und ob sie auch einen Dienstwagen bekommen, wenig Chancen auf einen tragfähigen Kontakt zum gewünschten Unternehmen haben werden.
Statt dessen, sollten die Bewerber lieber Fragen an den zukünftigen Chef stellen: "Was brauchst Du von mir? Wie kann ich dich unterstützen? Wie bin ich dir am Besten eine Hilfe?"
Auf diese Weise erfahre der Gegenüber, dass der Bewerber bereit sei, sich als Leistender in den Dienst nehmen zu lassen, also Dienst-leistender zu sein. Wenn das Unternehmen das bemerkt und dann den Bewerber als Mitarbeiter für sich gewinnen will, ist es noch früh genug, seine Vorstellungen von Gehalt und Dienstwagen zu benennen.
Mich hat dieser Beitrag im Handelsblatt nachdenklich gestimmt:
Auch ich bin geprägt von der Vorstellung, dass jeder in der "Wirtschaft" darauf aus ist, seinen Nutzen zu maximieren. Und nun kommt einer daher, der nun wirklich aussieht, wie jemand aus "der Wirtschaft" und schreibt: "Fordern blockiert. Geben würde befreien" Ich glaube, so etwas ähnliches hat Jesus auch gesagt und ich frage mich, wie passt das zusammen??
Ist das wirklich ein Paradigmenwechsel, dass in der Wirtschaft nun auch die Selbsthingabe Jesu als Vorbild akzeptiert und umgesetzt wird? Oder ist es nur ein Griff in die Trickkiste?
Könnte hier nicht auch wieder jemand gefragt haben: "Wie kann ich bestmöglichst sicherstellen, dass ich MEIN Ziel (den Arbeitsplatz in diesem Unternehmen) erreiche?"
Ich erreiche mein Ziel, in dem ich meinen Gegenüber dazu bringe, das zu machen, was ich möchte. Also gebe ich ihm, was er braucht, damit er sich in meinem Sinne verhält: Ich interessiere mich für ihn, ich biete mich ihm an usw.
Wenn er dann angebissen hat und (nur noch) mich haben will, dann habe ihn in der Hand und kann meine Forderungen stellen. In dieser Situation habe ich dann höhere Chancen meine Interessen nach Gehalt und Dienstwagen durchzusetzen, als wenn ich gleich zu Anfang danach gefragt hätte.
Langsam wird mir klar, dass in dieser Sache eigentlich zwei Dinge unterschieden werden müssen: Handelt es sich beim Geben nur um einen kommunikativen, psychologischen Trick zur Manipulation oder stehe ich als Gebender in ganzer Person und ehrlicher Meinung hinter meinem Handeln?
Nur wenn der Bewerber wirklich ernsthaft gewillt ist, auch in der täglichen Zusammenarbeit als Dienstleister die Ziele seines Vorgesetzten zu unterstützen, sollte er auch im Bewerbungsgespräch danach fragen. Leere Worthülsen führen nur dazu, dass es schwer wird, das Gesprochene auch umzusetzen. Entpuppt sich der Bewerber nach der Einstellung als Nehmender, wird die Zusammenarbeit nicht gut funktionieren und bald wieder eine Trennung anstehen.
Es ist zwar gut, wenn die Wirtschaft mehr über als Geben als über Nehmen nachdenkt - aber es ist noch besser, wenn sie auch so meint!
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