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Führung in der (katholischen) Kirche – Situation und Anregungen
Die Situation vor Ort
Fragt man in Wohngebieten nach der von Kirche erlebten Zuwendung zu Menschen vor Ort, so ist schnell von Erwartungen an den Pfarrer am Ort die Rede. Gerade für die eher Außenstehenden ist ER Brennpunkt des Kirchlichen. In der allgemeinen Erwartung soll Kirche repräsentiert werden von einer Person, die nach wie vor Hirte, also seelsorgerliche Ansprechperson für alle denkbaren und zunehmend individualisierten Anliegen sein soll.
Für aktuelle Überlegungen ist jedoch zu berücksichtigen, dass sich aus dem 2. Vatikanum und der Würzburger Synode eine andere Form der Kirchlichkeit ergeben hat:
Es haben sich „Gemeinden“ entwickelt, die selbst zum Subjekt ihres Handelns geworden sind. In vielfältigen ehrenamtlichen Initiativen und Gruppen und unter Beteiligung von weiteren Hauptamtlichen (neue kirchliche Laienberufe) organisieren sie eine breite Palette kirchlicher Angebote. Auf eine historisch neue Weise ist die Kirchengemeinde am Ort somit zum Brennpunkt kirchlichen Lebens geworden, nicht mehr nur der Priester.
Anforderung an Leitung heute – oder: immer „neue Jacken“
Leitung in Kirche kann sich somit nicht mehr allein auf die Umsetzung einer (persönlichen) pastoraltheologischen und seelsorglichen Linie orientieren, sondern muss eine ganz neue Vielfalt koordinieren, darstellen und konzeptionell weiterentwickeln. Dies erleben nicht wenige, wie eine zusätzliche „Jacke“ die ihnen einfach übergezogen wird.
Damit diese auch passt, sind neue Fähigkeiten wie Teamarbeit, Strukturierung von Prozessen, Kooperation mit gleich- oder teils sogar besser ausgebildeten MitarbeiterInnen, Umgang mit einer demokratisch orientierten Beratungsstruktur, Zielentwicklung, Personalführung, Konfliktmanagement, Qualifizierung von (ehren- und nebenamtlichen) MitarbeiterInnen etc. ge-fragt.
Die Gemeinden sind zu Großunternehmen geworden, zu deren Leitung die Hirtensorge eines Pfarrers zwar noch gefragt ist, aber im Alltag ganz viele fachliche Qualifikationen erfordert, die weder im Theologiestudium noch in der Ausbildung vermittelt und gelernt werden.
Mancher auf Seelsorge orientierte Hauptamtliche in Kirche sieht sich völlig überfordert, hier den Überblick zu behalten, geschweige denn, ein solches Miteinander zu steuern.
Der Frust, für das „Eigentliche“ der Seelsorge keine Zeit mehr zu haben, wächst und lähmt das eigene Handeln. Zu den „Jacken“, die den Leitern ohne Frage nach persönlichen Wünschen, Begabungen und Möglichkeiten zusätzlich umgehängt werden, gehört auch die Kooperation zwischen Gemeinden in neuen Kooperationseinheiten. Manche erleben hier erhebliche Rollenverunsicherung, Konkurrenz und Verweigerung, was die Entwicklung der neuen Kooperationseinheiten schwierig bis unmöglich macht.
Anregungen für die weitere Entwicklung von Führung in Kirche
Hieran wird deutlich, dass sich Kirche neu positionieren und ihre Arbeitsweise, ihr inhaltliches Angebot am gesellschaftlich inzwischen sehr erweiterten „Markt der Möglichkeiten“ genauer klären und an neuen Orten des gesellschaftlichen Lebens anbieten muss. Gezeigt hat sich, dass es nicht reicht, einfach größere Einheiten zu bilden und das Motiv der „Hirtenssorge“ auf die höhere Ebene zu übertragen.
Es ist wichtig, Aufgaben von Kirche genau zu beschreiben, gegenüber Erwartungen und Egoismen auf Gemeindeebene abzugrenzen, Kompetenzen zwischen gemeinsamer und örtlicher Ebene genau abzustimmen.
Auch die Interessen der Ehrenamtlichen sind neu wahrzunehmen. Nicht automatisch werden diese den Blick von ihrem bisherigen Aktionsfeld lösen und sich auf eine Kooperationsebene mitnehmen lassen. Vielmehr bleibt der Blick auf den eigenen Kirchturm verhaftet. Auch ist für das ehrenamtliche Tun zu sehen, dass sich gesamtgesellschaftlich Verschiebungen zu einem individuelleren Engagement ergeben haben, die klare Abstimmung dieser Aufträge, zeitliche Befristung und geschlosseneren Projektcharakter erfordern.
Gerade die Notwendigkeiten, die aus der Bildung neuer Kooperationseinheiten entstehen, machen deutlich, dass es dringend an der Zeit ist, Strukturen und Möglichkeiten von Kirche in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen neu zu erforschen, zu beschreiben und Handlungsideen zu entwickeln.
Hierfür braucht es einen aktiven Prozess mit visionären Ideen – nicht zuletzt der Kirchenleitungen selbst. Sie können dem zukünftigen Erscheinungsbild von Kirche ebenso wie den neuen Formen hauptamtlichen Arbeitens eine Zielrichtung geben.
Damit solche Visionen auf der Ebene neuer Kooperationseinheiten angeboten werden können und daraus vor Ort Handlungsmodelle entwickelt werden können, bedarf es professioneller Arbeit und der Einbeziehung von Know-how anderer Fachbereiche. Ziel muss dabei sein, den hauptamtlich und ehrenamtlich in der Seelsorge Tätigen und Mitdenkenden wieder einen Rahmen für befriedigendes Arbeiten sowie Rollensicherheit zu vermitteln.
Meines Erachtens wird zu sehr auf die inhaltliche Gemeinsamkeit und friedliches christliches Miteinander im Umgang vertraut bzw. die handelnden Personen vor Ort hierin überfordert, Ideen zu entwickeln und Ausgleich zu schaffen.
Für all dies braucht es ein gesamtkirchlich wohlwollendes Klima des Ausprobierens, das kreatives Experimentieren und welches Fehler auf dem Weg zu neuen Lösungsansätzen erlaubt und Konkurrenzdenken und frühzeitiges Abwerten von neuem vermeidet.
Ziel muss es sein, die Priester der Kirche in die Lage zu versetzen, ihre Leitungsaufgabe als Seelsorge zu verstehen und diese für ein kirchliches Handeln umzusetzen, das durch viele Gruppen und Gremien getragen wird und so die Zuwendung Jesu Christi heute und in unseren modernen Lebensbezügen bezeugt!
Autor: Jochen Hesper, er ist als Pastoralreferent in einem deutschen Bistum auf Gemeindeebene tätig.
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