| Forum Kirche und Management | Zurück : | : Startseite |
Die Geschichte der Zukunft.
Sozialverhalten heute und der Wohlstand von Morgen (Kondratieffs Globalsicht)
von Erik Händeler
Brendow & Sohn Verlag, 2002, 463 Seiten
Ein bekannter Unternehmensberater erklärte die Wachstumsschwäche der Wirtschaft mit „sinkenden Investitionen wegen vorhandener Überkapazität und nachlassendem Konsumverhalten auf Grund von drohenden Entlassungen und Vermögensverlusten auf den Aktienmärkten“. Haben Sie diese Aussage verstanden? Wenn nicht, macht das nichts, denn nach Meinung von Händeler lassen sich die Bestandteile dieser Begründung in beliebiger Reihenfolge vertauschen.
Der Begründungswirrwarr für die gegenwärtige Wirtschaftsschwäche und die Vielzahl sich widersprechender Vorschläge, wie die Konjunktur angekurbelt werden könne, sind symptomatisch für die letzten Jahre. Sollen die Steuern nun gesenkt oder erhöht werden, sollen die Staatsaufgaben vermehr oder gedrosselt werden? Wie sieht es mit den Zinsen aus? Nach Ansicht von Händeler hat die Wirtschaftswissenschaft bei der Beantwortung dieser Fragen versagt, weil sie nicht gewillt ist, die nötige Komplexität der Materie zu berücksichtigen.
Im Gegensatz dazu findet Händeler in Kondratieffs Globaltheorie eine schlüssige Antwort auf die aufgeworfenen Fragen. Der russische Ökonom Kondratieff entwickelte in den 1920er Jahren die Theorie von langen Wellen der Konjunktur. Händeler beschreibt in seinem Buch, wie sich in den vergangenen 250 Jahren alle Lebensbereiche im Rhythmus der Kondratieffwellen entwickelten: Sozialverhalten, Technik, Kriege, Machtverteilungskämpfe, Managementmethoden, Gesellschaft und Kunst. Kondratieff suchte den Grund für mehr Wohlstand in produktiven Herstellungsverfahren. Daraus erklären sich auch die langfristigen Konjunkturzyklen, die in der Regel 40 bis 60 Jahre dauern. Interessant dabei ist, dass sich die gegenwärtige Krise schlüssig aus der geschichtlichen Aufarbeitung der Kondratieffwellen erklären lässt
Händeler bleibt aber nicht bei der geschichtlichen Aufarbeitung stehen, sondern macht einen Ausblick und geht der Frage nach, wie die Gesellschaft in der gegenwärtigen Krise reagieren sollte. Für Händeler wird die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen zur wichtigsten Quelle der Wertschöpfung. Künftig werden jene Firmen überleben, in denen Menschen produktiv mit Informationen umgehen. Immaterielle Faktoren werden also maßgeblich dafür verantwortlich sein, ob ein Unternehmen Erfolg haben wird oder nicht.
Der Wertevorrat der Kirchen kann zu dieser Entwicklung einen entscheidenden Beitrag liefern. Ein kooperatives Verhalten, der gedeihlicher Umgang mit Konflikten bis hin zur gegenseitigen Verzeihung, aufrichtige Wertschätzung und Achtung sind Verhaltensweisen, die Jesus vorgelebt hat und in dessen Nachfolge die Christen berufen sind. Ganz abgesehen von diesen Verhaltensweisen, die in zukunftsfähigen Unternehmen gefragt sein werden, sind es nach Ansicht von Händeler in naher Zukunft wieder die Christen, die sich um jene kümmern werden, die wir heute gerne als Modernisierungsverlierer bezeichnen.
Händelers Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass sich die Fähigkeit der Menschen zu Kooperation und Leistung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor entwickeln wird. Die Vertreter der Volkswirtschaft werden den Ausführungen von Händeler nicht ohne Widerspruch folgen. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz dieses Buchs, dass es auch quer zu gängigen Argumenten eine interessante Theorie darstellt. Händeler ist freier Journalist und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kondratiefftheorie und deren politische Konsequenzen in eine breite öffentliche Debatte zu bringen. Er tut dies mit Leidenschaft und in einer lebendigen Sprache.
KuM freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Dr. Michael Fischer