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Die Entwicklung zukunftsfähiger Gemeinden
von Michael Fischer
Die Entwicklung der Gemeinden verträgt keinen Aufschub mehr. Daher hat dieses Thema in den pastoralen Konzeptionen eine hohe Priorität. Eigentlich müsste man treffender von einer Weiterentwicklung der Gemeinden sprechen, denn jede Gemeinde hat ihre eigene Geschichte, an der sich ihre weitere Entwicklung orientieren muss.
Dass die Gemeinden inmitten eines turbulenten Transformationsprozesses stehen, verdeutlicht der Auszug aus einer süddeutschen Tageszeitung: „Immer häufiger ist in Hochdorf bei Nagold der katholische Gottesdienst ausgefallen. Die Gemeinde machte aus der Not zwar keine Tugend, half sich aber selbst: Sie gehört jetzt zu den rund hundert katholischen Gemeinden, in denen man von Laien gehaltene Gottesdienste gewohnt ist. Zwar ist vieles noch nicht eingespielt, aber man spürt, die Verantwortlichen sind überzeugt und mit Begeisterung bei der Sache: Gottesdienst muss da stattfinden, wo die Leute sind, nicht in anonymen, großen Kirchen weit weg...“.
Obgleich solche Gemeinden wie in Hochdorf immer wieder anzutreffen sind, wird immer wieder die Frage gestellt, ob die heute bestehenden Gemeinden überhaupt entwicklungsbereit und reformfähig sind. Betrachtet man die europäische Kirche, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Abbrucharbeiten am volkskirchlichen Haus in vollem Gange sind: Rückgang der Gottesdienstteilnehmer, zunehmende Kirchenaustritte, eine veränderte Beichtpraxis, überalterte Verbandsstrukturen... Manche gehen sogar so weit, am Ende dieser Entwicklung auch das Ende der Gemeinden zu sehen.
Gleichzeitig sind neue und hoffnungsvolle Aufbrüche wie in Hochdorf und anderswo zu entdecken - Aufbrüche, die oft unspektakulär sind, gleichwohl aber in die Zukunft weisen: Menschen suchen nach Glauben und Heimat, nach Glaubensvertiefung und christlicher Identität. Gemeinsam beten, glauben, handeln und gemeinsam auf der Suche sein, sind Wesensaspekte einer zukunftsorientierten Spiritualität. Diese neuen Aufbrüche haben etwas gemeinsam: In ihnen liegt ein starker Akzent auf dem Wort Gottes und auf der gemeinschaftlichen Dimension ihrer Spiritualität. Das Wertvolle daran ist, dass diese neuen Formen auch inmitten der traditionellen Kirchen- und Gemeindeelemente heranwachsen.
Der Aufbruch in den Gemeinden und der Abbruch alter Strukturen sind in der Tat zwei gleichzeitig verlaufende, sich bedingende Entwicklungslinien. Sie dokumentieren den momentan stattfindenden Wandel. Manchmal muss Altes aufgegeben werden, um Neues wachsen zu lassen. Ebenso darf nicht vorschnell Bewährtes über Bord geworfen werden, wo aus dem Reichtum einer langen Tradition reichlich geschöpft werden könnte. In der situationsgerechten Balance zwischen diesen beiden Entwicklungslinien liegt die hohe Kunst der Weiterentwicklung von Gemeinden.
Aus den Aufbrüchen in den Gemeinden ein Modell ableiten zu wollen, das verbindlich darüber Auskunft gibt, wie die weitere Entwicklung von Gemeinden aussieht, wäre unsinnig. Dazu sind die Gemeinden zu bunt und das Leben zu vielfältig. Zudem haben sich Monokulturen noch nie bewährt, weil sie langfristige keine Ernte sichern. Dennoch sollen hier zehn Thesen vorgestellt werden, die als Wegmarken für die weitere Entwicklung von Gemeinden Orientierung geben können.
1. Die Gemeinden sind reformbedürftig geworden. Wer diese Herausforderung nicht annimmt, betrügt die Kirche um einen wichtigen Entwicklungsschritt.
2. Alle Gemeindemitglieder haben eine unvertretbare Kirchenberufung. Trotz der Unterscheidung der Ämter sind alle gleich an Würde.
3. Die Gemeinde als Ganze ist Subjekt und Trägerin der Seelsorge. Daher muss das Rollenverständnis und das Zusammenspiel zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, zwischen Priestern und Laien überdacht werden.
4. Gemeinde wächst dort, wo das Leben sich abspielt: in Wohngebieten, Stadtteilen, Dörfern und Weilern. Kurz: in den Biotopen der Menschen. Kirchengemeinden sollten daher in ihrer geschichtlich gewachsenen Selbständigkeit erhalten bleiben. Das Territorialprinzip darf nicht vorschnell über Bord geworfen werden.
5. Gleichzeitig müssen neue Formen des Miteinanders (Seelsorgeeinheiten) gefunden werden, um Kräfte zu bündeln.
6. Neben den Gemeinden vor Ort wird es – wie auch schon in früherer Zeit – andere Formen der Gemeindebildung geben, die im Maß ihrer Verbindlichkeit sehr unterschiedlich sind. Das Spektrum reicht hier von punktuellen Kontakten wie zum Beispiel in Großstadtgemeinden bis hin zu einem hohen Maß an Verbindlichkeit in geistlichen Gemeinschaften.
7. Die Leitung ist eine Dienstfunktion an der Gemeinde, ein Qualitätsmerkmal, das entsprechender Persönlichkeiten bedarf. Eine Gemeinde zu leiten bedeutet: Visionen zu entwickeln, Kommunikations- und Entscheidungsprozesse zu organisieren, Konflikte zu bearbeiten, Begabungen zu entdecken und zu fördern, Gruppen zu vernetzen und zu inspirieren und das eigene Tun und das der Gemeinde an das Evangelium rückzubinden.
8. Gemeindeentwicklung glückt nur dann, wenn sich die Verantwortlichen über das Ziel der Entwicklung verständigt haben, wenn sie eine gemeinsame Vision im Herzen tragen.
9. Die Gemeinden müssen nach außen hin offen sein und sich den Menschen zuwenden.
10. Gemeindeentwicklung gelingt nur, wenn die Menschen spirituell verwurzelt sind, und Gott selber der Bauherr der Gemeinde sein darf.
Ob neues Leben wachsen kann, hängt nicht allein von den großen Ideen ab, sondern davon, ob man aus ihnen ein Handwerk schafft. Das gilt auch für die Entwicklung von Gemeinden. Wir müssen darum ringen, wie unsere Visionen in Projekten und Initiativen verwirklicht werden können – nur so können wir voran gehen und Neuland unter den Pflug nehmen.
Dr. theol. Michael Fischer
arbeitet derzeit als Leitbildkoordinator bei den Hospitalgesellschaften der Franziskanerinnen Münster, St. Mauritz (HFMM)
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