Citypastoral
Citypastoral
Seit über zehn Jahren gibt es Citypastoral-Initiativen in Deutschland. Zunächst von einzelnen kleinen Gruppen engagierter Christen ins Leben gerufen, hat sich diese „Bewegung“ nahezu wie ein Flächenbrand ausgebreitet, so dass es mittlerweile kaum noch eine größere Stadt in Deutschland gibt, in der nicht ein Kirchenladen, ein Kirchencafé, ein Kirchentreff, einen Offene Kirche oder dergleichen besteht. Unterdessen geht die Tendenz von der individuellen Initiative „vor Ort“ hin zur zunehmenden Institutionalisierung von Citypastoral: Die Gründung von großen CP-Einrichtungen in Städten wie Frankfurt, Köln oder Berlin, die offiziell von den Bistümern eingerichtet und getragen werden und mit hauptamtlichen Mitarbeitern in ersten City-Lagen die Präsenz der Kirche in der Stadt jenseits von bestehenden Gemeindestrukturen sichern, hat dazu geführt, dass nach der ersten Phase der spontanen Gründungen mittlerweile eine zweite Phase der Grundsatzreflexion auf die theologischen, soziologischen, anthropologischen Fragen von Citypastoral in Gang gekommen ist. Angestoßen durch das Wort der Deutschen Bischöfe „Zeit zur Aussaat. Missionarisch Kirche sein“ aus dem Jahr 2000, das von der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz verfasst wurde, findet mittlerweile eine systematische Reflexion auf die Grundlagen von Citypastoral ebenso statt wie eine konzentrierte und gezielte Förderung und Entwicklung von einzelnen Citypastoral-Initiativen. Citypastoral wird derzeit von einer Summe von Einzelinitiativen zu einem integralen Moment in der Gesamtpastoral: Die Diözesen nehmen Citypastoral als ihre Aufgabe an, sie fördern sie und verknüpfen sie mit althergebrachten Seelsorgefeldern, ohne damit den Innovationsgewinn der Citypastoral zu nivellieren, aber um Lerneffekte der gesamten Kirche und aller ihrer Arbeitsfelder zu ermöglichen.
Das bedeutet jedoch zugleich, dass Citypastoral sich ihrer eigenen theologischen, anthropologischen, soziologischen Grundlagen und ihrer Ansatzmöglichkeiten in verstärktem Maße vergewissern muss: Citypastoral ist eine spezifische Form der Verkündigung des Evangeliums, die sich auf diejenigen Zentren konzentriert, „in denen sozusagen eine neue Menschheit mit neuen Entwicklungsmodellen heranwächst“ (Redemptoris missio, Nr. 37 b). Und daraus ergeben sich bestimmte Konsequenzen, die die Gestaltung von bestehenden und neuen Initiativen prägen:
- Citypastoral muss die Verschiedenartigkeit der Großstädte und der in ihnen lebenden Menschen berücksichtigen, so dass sie ganz wesentlich Verkündigung „im Prozess“ ist und in Planung und Konkretisierung starre Fixierungen ausschließt.
- Die Zielgruppe von Citypastoral sind die Menschen in den Innenstädten, die von den Gemeinden nicht oder nicht mehr erreicht werden. Dabei ist der vielzitierte Typus des „Passanten“ mit seinen Lebensbedürfnissen und Lebensformen vorerst die soziologische Kategorie, die am ehesten auf den typischen Adressaten von Citypastoral zutrifft.
- Der Auftrag von Citypastoral ist die Präsenz der Kirche in der Stadt – durch aktive Teilnahme an der City-Kultur und durch religiöse Angebote in der City-Öffentlichkeit. Darin sowie durch die besondere Art, wie Citypastoral-Einrichtungen Kommunikationsraum für individuelle Anliegen der Menschen sind, unterscheiden sie sich von allen anderen Formen der Pastoral.
Dabei sind derzeit unterschiedliche Wandlungsprozesse auch bei schon bestehenden kirchlichen Strukturen in Städten festzustellen:
- Innenstadtgemeinden, die sich in Personalgemeinden verwandeln und ihr spirituelles-gottesdienstliches Angebot auf die Bewegtheit der City einstellen (z. B. Kurzandachten);
- Pastoral im Vorraum bzw. auf der Schwelle wie Ausstellungen, Konzerte etc. einer Kirche bzw. einer Gemeinde;
- Citypastoralstellen in der Trägerschaft von mehreren Gemeinden, entweder innerhalb der bestehenden Strukturen (z.B. als Maßnahme eines Stadtdekanates) oder unabhängig davon. (Eine Vielzahl von christlichen Gemeinden einer Stadt bildet einen Verein, der eine Citypastoralstelle trägt);
- Citypastoral ist bisweilen die programmatische Selbstbezeichnung von neuen Einheiten und Kooperationsmodellen (nicht nur in Großstädten);
- Bestehende Dienste und Organisationen der Kirche außerhalb der Gemeinden kehren sich nach außen, sei es mit der Verwandlung ihres Kerngeschäftes zur Citytauglichkeit (Bildung und Kultur im Passantenstrom), sei es durch gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit (etwa im Sinne einer Flaschenhalsfunktion für Beratungsangebote).
Daraus folgen einige Anfragen an eine spezifische Theologie der City-Pastoral, die derzeit noch ein Desiderat ist:
- Ist City-Pastoral von der Theologie aus universalistisch oder partikularistisch zu verstehen?
- universalistisch: CP als ein Ort, an dem alles, was Kirche heute ist bzw. sein kann, zusammengedacht werden kann;
- partikularistisch: CP als ein Ort, der eine bestimmte Weise von Kirche für bestimmte Fragen realisiert - neben anderen Orten, die andere Weisen von Kirche umsetzen;
- Wie ist das Verhältnis von Kirche und „Welt“ zu verstehen? Ist vielleicht gar nicht in erster Linie nicht die Welt von der Kirche abgefallen, sondern hat vielleicht die Kirche die Welt versäumt? Ist die Stadt nicht nur Babylon, sondern auch Jerusalem? Welche Aufgabe hat Kirche in der Welt - über die praktisch-caritative Dimension hinaus?
- Was für eine Kirche will das sein/kann das sein, was sich in Citypastoral nach außen artikuliert? Ist Citypastoral ein eigenständiger Grundvollzug von Kirche oder nur eine Art Durchlauferhitzer, der die Menschen erst zur Kirche führen soll?
- Ist Citypastoral ein Ort der Elementarisierung und Verdichtung des Glaubens, oder ist sie die weitgehende Anpassung der Kirche an den „Zeitgeist“ der Beschleunigungsgesellschaft?
Das, was Citypastoral sein kann, ist noch längst nicht ausgelotet. Die Möglichkeiten reichen von der Gestalt der Kirche als pilgerndes Gottesvolk für das neue Jahrhundert bis hin zu einem marginalen Epiphänomen neuzeitlicher Auflösung religiöser und gesellschaftlicher Bindungen oder einer Degeneration des eigentlichen Heilsauftrags der Kirche zur bloßen Anpassung an gesellschaftliche Bedürfnislagen. Auf jeden Fall regt sie – als Reaktion auf die Phänomene moderner Urbanität – die Frage nach der Selbstdefinition von Kirche und ihrer tragenden Personen, die selbst Grenzgänger der bestehenden Kultur sein müssen, neu an.
Zur Diskussion – 10 Thesen bzw. Fragen
- Wie begegnet die Kirche dem wachsenden „Innerlichkeitstrend“ des Stadtmenschen? Woher stammt dieser Trend, was sind seine Hintergründe (Stichworte: Vereinsamung, Angebotsfülle von Lebensstilen, „Auswahlspiritualität“, Wahlgemeinschaften)
- Wie verhalten sich moderner Synkretismus, „Glaube ohne Gott“ als individuelle Lebenshilfe, diverse Fundamentalismen und Esoteriken zum Anspruch des Christentums, der sich in spezifischer Form im urbanen Kontext artikuliert - und wie muß dieser sich vor diesem Hintergrund artikulieren?
- Ist CP nur eine Form der institutionellen Sicherung der Kirche in einer Krisenzeit - oder muß sie mehr sein: ein neues Modell von Kirche insgesamt?
- Driftet Kirche in der Stadt eventuell in einen „Profanhumanismus“ (Stichworte: Individualisierung, Vereinsamung, Professionalisierung der Fürsorge) - und wie kann sie dem gerade in Städten schon ent- und bestehenden Profanhumanismus begegnen?
- Muß Kirche in der Stadt umdefiniert werden - von fester Gruppe zu mobilen Einheiten?
- Sind die Mittel der Theologie dem Problemfeld adäquat? (Es gibt bisher keine „Hermeneutik der Stadt“!)
- Ist CP in der Gefahr, zu einem „spirituellen Partyservice“ zu degenerieren, der „Bedürftige“ mit Ritualen und „Religion pur“ versorgt, wenn die Einbindung der Aktivitäten in einen festeren Kontext (vgl. Ortsgemeinde) fehlt?
- Kann man „Stadt“ als Zielort der Neuevangelisierung und zugleich als „spirituelle Ressource“ (vgl. die Acceuils in Frankreich) verstehen - und wie kann Kirche die Gratwanderung meistern, die dann notwendig wird?
- Darf die Pastoral in ihrer Konzeption ganz selbstverständlich von bestimmten Bedürfnissen ausgehen, die die Menschen der Stadt haben müssen, weil sie unter urbanen Bedingungen leben? Sind Städter tatsächlich die „Suchenden“, als die sie oft einfachhin dargestellt werden?
- Man kennt die Rede, daß man die Menschen „dort abholen müsse, wo sie stehen“. Aber darin liegt natürlich auch ein Problem: Wenn ich jeden dort abhole, wo er steht, geht gerade das verloren, was mein eigenes Profil sein könnte oder sollte und was unverzichtbar zu einer plausiblen und glaubwürdigen Gestalt des Christentums gehört. Bewege ich mich aber um der Unverwechselbarkeit meines Profils willen überhaupt nicht zu den Menschen hin, dann erreiche ich auch niemanden. Mit anderen Worten: Welche Gestalt müßte eine missionarische Pastoral haben, die weder in die eine noch in die andere Falle geht?
von
Dr. Martin Thomé.
Der Autor ist Referent an der Thomas Morus Akademie in Bensberg, Erzbistum Köln.
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